Die "S-Klasse"


Interview mit Anne Beck


Anne Beck mit Flora und Speedy
Anne Beck ist Hundetrainerin mit eigener Hundeschule und Hundepension
in Weilmünster/Hessen und hat zur Zeit 6 Hunde, davon 3 Sopron-Mudis.



Wie hast Du die Chancen für Flora in den ersten Tagen eingeschätzt? Was war Deine "Prognose"?
Nach ein paar Tagen mussten wir überlegen, ob diese Art von Tierschutz tatsächlich Tierschutz ist. Ich habe vorher noch niemals einen Hund gesehen, der so eine Panik beim Anblick eines Menschen bekommen hat. Ich habe oft geweint, weil ich diesen Hund von der ersten Sekunde an geliebt habe, aber ich dennoch immer den Gedanken hatte, diesen Hund zu erlösen.

Wie waren die ersten Kontakte zu Flora, wie hat sie auf Menschen reagiert?
Der erste Kontakt war bei Almut in der Nähe von Ulm. Ich sah sie nur. Almut nahm sie auf den Arm und ich streichelte sie vorsichtig. Dabei machte sie unter sich! Ich nahm sie dann mit nach Hause, brachte sie in der Box liegend ins Haus. Dort verbrachte sie dann die ersten 3 Wochen. Körperlichen Kontakt hatte ich nur, weil ich sie zwangsernähren musste. Sowohl Futter, als auch Wasser musste ich ihr einflössen.
Der Anblick von Menschen lösten bei Flora Fluchtreaktionen hervor. Wenn sie in der Box war und nicht fliehen konnte, machte sie unter sich und erbrach sich. Den ersten Kontakt nahm Flora mit meinen Kindern auf. Da war ich bei ihr noch lange nicht "im Gespräch"!

Wovor hatte sie am meisten Angst?
Vor Menschen!

Wie hat sich diese Angst geäußert?
Sie machte unter sich und erbrach. Sie versuchte zu flüchten, verschwand dann in der hintersten, dunkelsten Ecke. Allein der Anblick eines Menschen reichte aus um dieses Verhalten zu zeigen.

Welche "Strategie" war für Flora wichtig?
Es gab keine Strategie. Auch wenn ich mir am Anfang gedacht habe, ich mache das so oder so. Habe ja nun schon die Erfahrungen, habe Bücher gelesen über die berühmten "Calming Signals". Ich setzte also Erfahrung und Calming Signals ein. Aber das blieb absolut ohne Erfolg. Es verschlechterte sich das Verhalten von Flora in den ersten 3 Wochen zunehmend. Ich war nun mal kein Hund und Flora verstand nicht, warum ich als Mensch Beschwichtigungssignale einsetzte.
Ich wollte diesem Hund helfen und war so verbohrt in meinem Handeln, dass es nur nach hinten losgehen konnte. Ich sprach dann mit einer absolut unabhängigen Person über unser Zusammenleben mit Flora. Die Dame meinte nur: "Lass sie doch einfach mal in Ruhe. Sei nicht so verbissen darin, diesem Hund zu helfen. Sie merkt Deine große Sorge und Deine groß0e Angst. Sie weiß nicht, dass Du helfen willst, aber sie merkt, dass Du auch Angst hast, was die ihre ja nur noch verstärkt"! Und genau dieser Knackpunkt war es und wir konnten nun in Ruhe "an Flora arbeiten".

Wie wichtig waren (sind?) andere Hunde?
Ohne Hunde geht es nicht. Insbesondere Speedy, Floras Bodyguard ist das Beste, was ihr und mir passieren konnte. Er hat sie von der ersten Sekunde an beschützt und ihr auch gezeigt, dass er für sie da ist. Sie hat sich sofort an ihn gehalten, war immer da, wo er war. Die anderen Hunde sind auch wichtig, aber Speedy ist durch seine coole und gelassene Art eben genau der Pol, den sie gebraucht hat und auch heute noch in so manchen Situationen braucht.

War die Entwicklung der Fortschritte kontinuierlich oder gab/gibt es Rückfälle?
Zu Beginn war Stillstand. Es ging nichts voran. Nach dem Gespräch aber mit der Dame, die nichts über die Sopron Mudis wusste, ging es erst einmal stetig bergauf. Flora kam aus der Box, fing dann an von alleine Futter und Wasser zu sich zu nehmen. Entdeckte dann auch die Vorteile einer Couch. Anfassen war dann aber ca. 4 Wochen noch nicht der Fall. Die Kinder konnten sich schon in dieser Zeit zu ihr auf die Couch setzen. Scheinbar, weil sie es einfach getan haben und sich keine Gedanken darüber machten!

Nach etwa 6 - 8 Wochen konnte auch ich mich zu ihr setzen und ihre Neugier wuchs von Tag zu Tag. Zu Anfang erkundete sie dann den Garten, da wir bisher immer nur auf der Terrasse waren. Sie befand sich immer im Schlepptau von Speedy. Beim kleinsten Geräusch rannte sie ins Haus. Ich war schon glücklich darüber, dass sie diesen Weg gewählt hatte und sie nicht versuchte zu fliehen.
Dann kam das gesamte Haus dran. Die offene Treppe in den 2. Stock erklomm sie fast von alleine. Ich habe sie einmal hoch und einmal runter getragen, dann merkte sie, dass es so schlimm ja nicht sein konnte. Sie fing an, mit mir Kontakt aufzunehmen, begrüßte mich, wenn ich nach Hause kam, nahm nun auch das Futter wie die anderen Hunde in der Küche auf. Flora kam zu mir wenn ich sie rief, schmuste auch mal ein paar Minuten mit mir auf der Couch.

Dies nahm ich dann zum Anlass, nach 3 Monaten mit Flora das erste Mal Gassi zu gehen. Ich nahm nur Speedy und Azora mit, sicherte Flora mit 2 Halsbändern, 2 Geschirren und 2 Leinen.
Ich setzte sie in die Box und fuhr mit dem Auto ins Feld, ließ die anderen Hunde raus, nahm Flora auf den Arm und stiefelte durch den Schnee. Ich ließ sie langsam runter und wie ich es dachte, versuchte sie in Panik zu fliehen. Ich weiß nicht, wer in dem Moment mehr Angst hatte! Sie, weil sie in eine solche Situation von mir "geworfen" wurde, oder ich, weil ich trotz der Sicherung solch eine große Angst hatte, diesen Hund durch die Flucht zu verlieren.

Das Vertrauen, welches sie mir gegenüber in den ersten drei Monaten aufgebaut hatte, war gänzlich verschwunden. Ich durfte mich nicht nähern, ohne dass Flora die Flucht ergriff. Ich wollte das aber durchziehen und nahm sie jeden Tag aufs Neue und nahm sie mit zu unseren Spaziergängen. Auch hier dauerte es ca. 2 Wochen, bis sie den Spaß an diesen Gassigängen begriff. Ich nahm langsam bei jedem Mal die Sicherungen ab und zum Schluss lief sie nur noch mit einem Geschirr und nur noch mit Schleppleine. Inzwischen freute sie sich auch schon, wenn ich das Geschirr in die Hand nahm und wollte mit uns mit fahren. Die Rute ging immer mehr in die Höhe.
Ich nahm dann all meinen Mut zusammen und ließ an einem verschneiten Tag die Schleppleine fallen, so dass sie mit den anderen Hunden mitrennen konnte.
So ging es dann immer weiter bergauf. Rückfälle gab es selten und wenn, dann waren die nur von kurzer Dauer.

Ist Flora heute ein "normaler" Mudi?
Ich kann im Großen und Ganzen sagen: Ja, das ist sie! Sie freut sich bei Menschen die zu uns kommen. Sie geht auch normal auf fremde Menschen zu die uns bei den Gassigängen begegnen, denn diese Menschen könnten ja Leckerchen in der Tasche haben. Manchmal übertreibt sie auch, verbellt diese und es kann auch passieren, dass sie so ganz leicht ihre Zähne nicht unter Kontrolle hat.
Wir gehen mehrmals die Woche auf den Hundeplatz und sie betreibt begeistert Agility und Flyball. Unser erstes Flyballturnier haben wir auch schon hinter uns gebracht, wobei sie hier unbedingt Speedy braucht, der vor ihr die Bahn läuft. Dann weiß sie das alles in Ordnung ist und läuft dann auch. Ich muss weiter dabei sein, muss mitlaufen, aber das ist egal. Sie springt über ihren Schatten und "erledigt ihren Job"!
Männer mag sie immer noch nicht wirklich, aber wenn sie diese einige Male gesehen hat, dann ist auch das erledigt und sie freut sich diesen zu sehen. Sie fordert Leckerchen ein, springt am Bein hoch und bellt. Sie macht das sehr freudig. Die Rute ist dann immer in Bewegung.

Was sollte jemand, der einen solchen Hund aufnimmt, auf jeden Fall beachten?
Das kann man nicht pauschalisieren. Ich bin froh, dass ich nicht zu früh aufgegeben habe. Ich habe Angstverhalten ignoriert, habe sie in die verschiedensten Situationen "geworfen" und das auch immer wiederholt. Ich biete ihr zwar den Schutz und die Sicherheit, aber ihre Angst kann sie sich nur selbst nehmen, damit habe ich nichts zu tun.
Alles in allem hat Flora sich diesen Weg alleine geebnet. Ich war nur Beiwerk und habe sie begleitet.
Sie ist inzwischen frech "wie Dreck", mischt dann und wann auch die Hundegruppe auf, ist sehr wachsam, verschmust, albern, lustig und in so vielen Situationen einfach nur menschlich.

Ich habe in einem anderen Beitrag geschrieben, dass wir selbst bei Regen die Sonne am Himmel stehen haben. Das kann ich nur Tag für Tag bestätigen. Es kann schütten wie aus Eimern, aber dieser kleine Hund bringt alle zum Lachen!!